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Auslegung der Bibel - Kultur damals und heute
Beim Lesen, Verstehen und Anwenden der Bibel ergibt sich
folgendes Problem: die Welt zur Zeit der Bibel und die heutige
Welt, unterscheiden sich voneinander. Wenn wir die Bibel lesen,
beschreiten wir eine andere Welt. Viele Menschen denken:
"Was in aller Welt kann mir dieses alte Buch sagen? Es schaut
antiquiert aus, es hört sich altmodisch an und es riecht
modrig. Die Bibel hat, kulturell gesehen, keine Botschaft für
mich."
Ist das Christentum - eine primitive palästinische Religion
aus einer Kultur in einem primitiven palästinischen Land -
relevant, hat die Bibel auch heute noch eine Botschaft für mich?
Diesen Fragen geht John Stott nach.
1. Unsere zeitgemäße Kultur
Ein erstes Problem entsteht durch unsere Kultur.
1.1 Alle Menschen sind Gefangene des kulturellen Erbes
Unser gesamtes Leben wird durch die Kultur bestimmt, in der wir
aufgewachsen sind. Auch wie wir die Bibel lesen, wird stark durch
unser Umfeld bestimmt. Ein Herangehen an die Bibel mit einem offenen
unverfälschten Bewusstsein ist nicht möglich. Themen, die
wir durch die kulturelle Brille betrachten, sind vielfältig:
Freiheit, Staat, Kirche, Sklaverei, Nationalität und Job sind
einige davon.
John Stott führt dazu folgendes Beispiel an: Wie kann ich als Mitglied eines sozialen Landes, das sich in allgemeinem
Wohlstand befindet, wirklich offen auf das hören, was die Bibel über Armut sagt?
Die Kultur prägt schon unser Vorverständnis des
Textes. Unsere kulturelle Blindheit führt oft dazu, dass wir
nicht das hören, was Gott uns sagen möchte.
1.2 Die Schwierigkeit zu hören
Gott kann möglicherwiese nicht zu uns sprechen, weil wir
nicht auf ihn hören. Die Gründe sind unsere eigenen
Pläne oder unsere Blind- und Taubheit gegenüber Gottes
Plänen oder beides.
Wir werden weiterhin die Bibel lesen oder sogar vielleicht
beten: "Öffne meine Augen, damit ich die Wunder erkenne,
die dein Gesetz enthält" (Ps 119, 18). John Stott vermutet,
dass Gott manchmal zu uns sagt: "Pass einmal auf, warte einen
Moment, hör mir zu und hör auf zu reden. Ich werde
dir heute keine "Wunder" sagen, sondern sogar etwas
Beunruhigendes. Möchtest du es hören?"
Wir sagen: "Nein Herr,
ich komme doch zu dir, um auferbaut zu werden." Wir wollen
nicht gestört werden. Und so hören wir nicht das, was
Gott uns zu sagen hat.
Wenn Gott die Wahrheit sagen will, möchten wir sie nicht
immer hören (ein Beispiel ist Jesaja 42: "Warum wollt ihr
nicht hören, warum nicht sehen? ... Gibt es überhaupt einen,
der so taub ist wie mein Volk ..?").
1.3 Der Unwille der Kirche zu hören
Durch die Geschichte hindurch hat sein Volk nicht gehört. Es
las die Bibel durch die kulturelle Brille. Zwei Beispiele:
Kreuzzüge im Mittelalter im Namen Gottes, Folter im Namen Jesu
Christi, um Andersgläubige zu überzeugen.
Manche mögen sagen, dass sich das nur im finsteren
Mittelalter und in der röm. kath. Kirche ereignet hat. Nun,
warum gab es die Skalverei bis in das 18. Jhdt, warum spielte
Rassismus im 2. Weltkrieg so eine bedeutende Rolle?
Gottes Volk ist nicht bereit zu hören.
1.4 Unsere Blindheit
Es ist leicht, andere zu kritisieren. Was sind unsere eigenen
"blinden Flecken", haben wir jemals danach gefragt? Wie
steht es mit den erdrückenden Schulden der sogenannten
Dritten Welt, dem Nord-Süd-Konflikt, der wirtschaftlichen
Unterdrückung des armen Südens durch den reichen Norden,
was ist mit Armut?
2. Die kulturelle Transposition (Übertragung)
Ein weiteres Problem entsteht durch die Kultur der Bibel.
Beschränkt die kulturelle Einbettung die Botschaft oder
die Autorität der Bibel? Wie kann eine Offenbarung Gottes,
die in der Kultur Palästinas im 1. Jhdt. gegeben wurde, im
20. Jhdt. immer noch gültig sein? Wie kann sie ewigen Bestand
haben, wenn sie in vergänglichen kulturellen Einheiten gegeben
wurde? Wie kann sie universelle Relevanz haben, wenn sie in ganz
speziellen Einheiten gegeben wurde?
Die Bibel ist stark kulturell bestimmt. Daraus folgt laut John
Stott aber nicht, dass sie heute nicht mehr relevant ist.
2.1 Der Vergleich mit der Kleidung
Man kann einen Vergleich mit Kleidung anstellen. Eine Person
trägt verschiedene Kleider, aber die Person ist immer die
gleiche. Genauso ist es mit der Essenz des Wortes Gottes, die
sich nicht ändert, und mit der Kultur, die sich sehr wohl
ändert. Die Wahrheit ist in einer Kultur eingebettet, die sich
von Volk zu Volk von Land zu Land ändern kann.
2.2 Drei Möglichkeiten
Bei einem Text aus der Bibel, der eng an eine Kultur
geknüpft ist, deren Verhalten überholt ist, gibt es drei
Möglichkeiten:
- Totale Zurückweisung:"Der Text ist so fremd,
überholt und daher für mich nicht mehr gültig. Ich
reiße die Seiten aus der Bibel heraus, sie haben keine
Bedeutung mehr."
Die totale Zurückweisung lehnt sowohl die kulturelle als
auch die göttliche Botschaft ab, die Bibel hätte somit
keine Bedeutung mehr für einen modernen Menschen.
- Hölzerner Literalismus:
"Weil der Text in Gottes Wort steht, müssen wir ihn beachten
und genauso befolgen. Die göttliche und kulturelle Botschaft
haben beide den gleichen Wert. Wer sich nicht daran hält,
ist ein Liberaler."
Der hölzerne Literalismus würde dazu führen, dass wir
so leben müssten, wie die Menschen im 1. Jahrhundert.
Keiner der beiden Versuche, die Bibel umzusetzen, ist befriedigend.
- Kulturelle Transposition: Was ist die Essenz des
Wortes Gottes? Wir müssen es von der kulturellen Relevanz
trennen. Dann können wir die Essenz wieder in unsere heutige
Kultur einkleiden. Vergleiche das Transponieren eines Liedes in eine
andere Tonart mit dem Transponieren des Textes in eine andere Kultur.
Die kulturelle Transposition ist die einzig vernünftige
Möglichkeit. Die Frage ist nun, woher weiß der Leser,
was kulturell bedingt ist oder was Gottes ewige Botschaft ist?
Hilfen:
- Beachte das Textumfeld. Steht der Abschnitt eingebettet in
ethische oder kulturelle Verhaltensweisen?
- Was sagen Christen aus anderen Kulturen zu diesem Text,
wie sehen diese die Thematik?
2.3 Beispiele zum Überdenken und Anwenden
- Fußwaschung. Die Unstände, wie wir heutzutage
reisen, habes sich völlig geändert. Wir fahren mit
der Bahn oder dem Auto, haben nur selten offene Sandalen,
mit denen wir über staubige Landstraßen ziehen. Es
besteht nicht die Notwendigkeit, sich die
Füße bei Ankunft zu waschen.
Auch empfängt uns kein Diener oder Sklave und fragt, ob er
unsere Füße waschen darf. Die ganze Kultur hat sich
geändert.
Aus den Ereignissen erkennen wir, was die Botschaft an uns ist.
"Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben...". Jesus zeigt uns
exemplarisch, dass wir aus Liebe dem anderen gegenüber
Handlungen setzen sollen, die in unserer Gesellschaft nicht
hoch bewertet werden. Die kulturelle Transposition wäre
z. B., Abwaschen und Reinigungsaufgaben aus Liebe dem Anderen
gegenüber zu tun.
- Bruderkuss
- Essen von Götzenopferfleisch
- Stellung der Frau
John Stott hielt im Juli 1998 am Schloss Mittersill
(Österreich) Vorträge über Prinzipien der
Hermeneutik. Auf der Grundlage dieses Vortrags entstand dieser
Text.
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